Die Umfragen im Nachbarland verheißen nichts Gutes. Im kommenden Jahr wählt Frankreich ein neues Oberhaupt, und Umfragen zufolge gibt es einen großen Favoriten auf das Amt des Präsidenten: den Kandidaten des rechten Rassemblement National (RN). Die Partei, die lange von Marine Le Pen geführt wurde und heute unter Jordan Bardella als Vorsitzendem agiert, hat sich in den letzten Jahren als ernstzunehmende politische Kraft etabliert. Doch die Aussicht auf einen rechtsradikalen Präsidenten bestürzt viele Franzosen – allen voran Superstar Kylian Mbappé.
In einem Interview mit dem Magazin „Vanity Fair“ warnte der 26-jährige Stürmer des spanischen Rekordmeisters Real Madrid eindringlich vor den Folgen eines RN-Sieges. „Ich weiß, was das bedeutet und welche Folgen es für mein Land haben kann, wenn Menschen wie sie an die Macht kommen“, sagte Mbappé. Der Fußballer, der 2018 mit Frankreich Weltmeister wurde und zweimal im WM-Finale stand, gilt als einer der bekanntesten und einflussreichsten Sportler des Landes. Seine Äußerungen haben daher enormes Gewicht in der öffentlichen Debatte.
Mbappés Warnung kommt nicht aus dem Nichts. Der Rassemblement National – ehemals Front National – ist für seine nationalistische, euroskeptische und migrationsfeindliche Politik bekannt. Marine Le Pen, die 2022 bei der Präsidentschaftswahl gegen Emmanuel Macron antrat und knapp 41 % der Stimmen erhielt, hat die Partei in den vergangenen Jahren zwar gemäßigter präsentiert, doch die ideologischen Wurzeln bleiben. Jordan Bardella, der 2022 zum Parteivorsitzenden gewählt wurde, gilt als noch schärferer Rhetoriker. Beide Politiker reagierten prompt und zynisch auf Mbappés Kritik.
Bardella kontert mit PSG-Witzen
Jordan Bardella, der bei der letzten Europawahl mit seiner Liste die meisten Stimmen holte, nutzte die Gelegenheit, um Mbappé persönlich anzugreifen. Auf Twitter (heute X) schrieb er: „Ich weiß, was passiert, wenn Kylian Mbappé PSG verlässt: Der Verein gewinnt die Champions League! (Und vielleicht bald ein zweites Mal).“ Damit bezog sich Bardella auf den überraschenden Triumph von Paris Saint-Germain in der Königsklasse vor einem Jahr – ausgerechnet in der Saison, nachdem Mbappé den Klub verlassen hatte, um zu Real Madrid zu wechseln. PSG besiegte im Finale 2024 den FC Bayern München mit 3:1 nach Verlängerung. In dieser Saison hat PSG erneut das Finale erreicht und trifft am 30. Mai in Budapest auf den FC Arsenal – erneut ohne Mbappé.
Bardellas Spott zielt darauf ab, Mbappé als Spieler darzustellen, der den Erfolg von PSG eher behindert als befördert habe. Doch die Statistik spricht eine andere Sprache: Mbappé erzielte in 308 Spielen für PSG 256 Tore und gewann mit dem Klub sechs französische Meisterschaften, vier Pokalsiege und stand 2020 im Champions-League-Finale. Sein Abgang zu Real Madrid im Sommer 2024 war von langer Hand geplant und galt als einer der spektakulärsten Transfers der Fußballgeschichte. Die Ablösesumme lag bei rund 200 Millionen Euro, sein Gehalt in Madrid soll bei 50 Millionen Euro pro Jahr liegen.
Le Pen: „Fußballfans sind unabhängig genug“
Marine Le Pen, die Patriachin des RN, reagierte in einem Interview mit dem Radiosender RTL ebenfalls zynisch. Es sei beruhigend, dass Mbappé nicht wolle, dass ihre Partei gewinne, sagte die 57-Jährige. „Ehrlich gesagt glaube ich, dass Fußballfans unabhängig genug sind, um zu wissen, wen sie wählen sollen, ohne sich von Mbappé beeinflussen zu lassen.“ Le Pen unterstrich damit ihre Haltung, dass Sport und Politik getrennt werden sollten – eine Position, die sie jedoch selbst nicht konsequent einhält, wenn es um die Nutzung von Sportveranstaltungen für politische Botschaften geht.
Die RN-nahe Jugendorganisation „Rassemblement des Jeunes“ hatte bereits vor Monaten eine Kampagne gestartet, die Fußballfans dazu aufruft, „ihr Land zu verteidigen“ und „gegen die Islamisierung“ zu stimmen. Auch Bardella selbst bezeichnete sich in der Vergangenheit als großer Fußballfan und besuchte Spiele der französischen Nationalmannschaft. Mbappé hingegen engagiert sich seit Jahren gesellschaftlich und politisch, etwa durch seine Stiftung „Inspired by KM“ oder seine Unterstützung für die Anti-Rassismus-Bewegung.
Historischer Kontext: Der RN und die Sportpolitik
Der Rassemblement National hat eine wechselvolle Geschichte mit dem Sport. Unter der Führung von Jean-Marie Le Pen, dem Vater von Marine Le Pen, war die Partei offen rassistisch und antisemitisch. Der RN hat sich zwar formal von den extremsten Positionen distanziert, doch viele Beobachter sehen in der Partei nach wie vor eine rechtsextreme Kraft. Im Bereich Sport setzt der RN auf nationalistische Symbolik: Die Partei fordert eine „bevorzugte Behandlung“ französischer Athleten und lehnt die Einbürgerung von Migrantenkindern ab, die für Frankreich Sport treiben wollen. Diese Positionen stoßen bei vielen Profis auf Ablehnung.
Mbappé selbst hat eine gemischte Herkunft: Sein Vater ist kamerunischer Herkunft, seine Mutter algerisch. Er wurde in Bondy, einem Vorort von Paris, geboren. In der Vergangenheit hat er sich mehrfach gegen Diskriminierung und für Integration ausgesprochen. 2022, vor der Präsidentschaftswahl, rief er die jungen Franzosen dazu auf, wählen zu gehen – ohne explizit eine Partei zu nennen. Diesmal ist er deutlicher geworden.
Die Wahl 2025: Ein entscheidendes Rennen
Die Präsidentschaftswahl in Frankreich findet im April und Mai 2025 statt. Aktuelle Umfragen sehen den RN-Kandidaten (noch unklar, ob Bardella oder Le Pen) bei etwa 30 % der Stimmen im ersten Wahlgang, gefolgt von möglichen Kandidaten des bürgerlichen Lagers und der Linken. Emmanuel Macron kann nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten. Die Republikaner (Les Républicains) haben derzeit keinen klaren Favoriten. Die Linke ist zersplittert, doch der linkspopulistische Jean-Luc Mélenchon könnte erneut antreten. Sollte der RN in die Stichwahl kommen, hält sich die Hoffnung, dass das republikanische Lager eine Brandmauer bildet – ähnlich wie 2017 und 2022, als die Wähler gegen Le Pen stimmten, um sie zu verhindern. Doch die Zustimmung für den RN wächst, insbesondere bei jungen Wählern und in ländlichen Gebieten.
Mbappés Intervention könnte daher durchaus Einfluss haben. Er ist nicht der einzige Prominente, der sich positioniert. Zahlreiche Schauspieler, Musiker und Influencer haben sich gegen den RN ausgesprochen. Doch selten ist die Reaktion der Parteispitze so direkt und persönlich ausgefallen wie diesmal.
Die Rolle des Fußballs in der französischen Gesellschaft
Fußball hat in Frankreich eine besondere gesellschaftliche Bedeutung. Die Nationalmannschaft gilt als Symbol der „black-blanc-beur“-Multi-Kulti-Gesellschaft, die besonders nach den WM-Titeln 1998 und 2018 gefeiert wurde. Mbappé selbst ist zu einer Ikone dieser neuen Generation geworden. Sein Wechsel zu Real Madrid hat ihn noch berühmter gemacht, aber auch kritischere Blicke auf seine Entscheidungen gelenkt. Manche werfen ihm vor, sich zu sehr auf sein Privatleben und seine Karriere zu konzentrieren, statt politisch aktiv zu sein. Andere loben seinen Mut, sich öffentlich zu äußern.
Die RN versucht seit Jahren, den Fußball für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. So forderte Bardella 2023, dass die französische Nationalhymne vor Länderspielen nicht mehr von einem Chor, sondern nur noch von einem einzelnen Sänger vorgetragen wird – um die nationale Einheit zu betonen. Le Pen kritisierte wiederholt die „Politisierung“ des Fußballs, wenn Spieler wie Antoine Griezmann oder Marcus Thuram sich gegen Rassismus aussprachen. Doch die Kritik der RN an Mbappé zeigt, dass sie selbst keine klare Linie haben: Einerseits wollen sie den Sport von Politik fernhalten, andererseits nutzen sie ihn für ihre eigenen Botschaften.
Ausblick
Die französische Öffentlichkeit wird die Entwicklung in den nächsten Monaten genau verfolgen. Noch ist unklar, ob Bardella oder Le Pen für den RN ins Rennen gehen. Le Pen hat angedeutet, dass sie eine „vierte Kandidatur“ nicht ausschließt, während Bardella als designierter Nachfolger gilt. Beide werden versuchen, die Wählerschaft der Mitte anzusprechen, ohne die radikale Basis zu verlieren. Mbappés Aussage könnte dazu beitragen, die jungen Wähler zu mobilisieren, die dem RN sonst vielleicht zugeneigt wären. Fußball bleibt Politik – und das wird Frankreich auf dramatische Weise erleben.
Der Superstar selbst bereitet sich derweil auf die neue Saison mit Real Madrid vor und will nach dem Champions-League-Finale am 30. Mai auch die nächste Weltmeisterschaft 2026 in Nordamerika anpeilen. Ob er dann noch einmal politisch Stellung nehmen wird, bleibt abzuwarten. Fest steht: Seine Stimme wird gehört – und sie wiegt schwer.
Source: DIE WELT News