Nicki Minaj hat sich in einem rund 90-minütigen Interview mit dem „Time“-Magazin erstmals ausführlich zu ihrer Unterstützung für Donald Trump geäußert. Die Rapperin bezeichnet sich darin als Trumps „Nummer-eins-Fan“ und behauptet, viele Celebrities teilten ihre politische Haltung, schwiegen aber aus Angst vor Konsequenzen: „Manchmal braucht man nur eine mutige Person, die den Großteil des Aufpralls abfängt. Ich glaube, ich bin der Katalysator für diesen Wandel.“ Namen nennt sie keine.
Swatting-Vorfall als Wendepunkt
Den entscheidenden Anstoß für ihr öffentliches Bekenntnis beschreibt Minaj als persönliche Erfahrung: Nach wiederholten Swatting-Vorfällen an ihrem Haus in Kalifornien habe Gouverneur Gavin Newsom nicht reagiert. Die republikanische Abgeordnete Anna Paulina Luna habe ihr im April 2025 geholfen, Kontakt zu Behörden und einem privaten Sicherheitsdienst herzustellen. „Ich war schockiert. Ich hatte noch nie jemanden in der Politik gesehen, der mich so behandelt“, sagte Minaj dem Magazin.
Obama und Jay-Z als Erklärung
Für ihre Abkehr von der Demokratischen Partei macht Minaj Barack Obama und Jay-Z verantwortlich. „Ich glaube, Jay-Z hat Obama am Ende viel gekostet, ob er es weiß oder nicht“, sagte sie. „Viele Rapper mögen Jay-Z nicht und hatten Angst, es zu sagen.“ Ihre Begründung läuft auf ein zirkuläres Argument hinaus: Weil der demokratische Präsident den Rapper mochte, der ihre Karriere blockiert habe, sei der republikanische Präsident nun ihre Wahl.
Diese Verquickung persönlicher Rivalitäten mit politischer Orientierung ist ein charakteristisches Merkmal von Minajs öffentlicher Persona. Seit Beginn ihrer Karriere hat die Rapperin immer wieder betont, dass sie sich von der Musikindustrie und insbesondere von etablierten Größen wie Jay-Z ungerecht behandelt fühlt. In Interviews und auf Social Media hat sie mehrfach angedeutet, dass Jay-Z ihre Aufstiegsmöglichkeiten behindert habe, unter anderem durch die enge Verbindung zu Roc Nation und dessen Einfluss auf das Geschäft mit Hip-Hop. Die Sympathie Obamas für Jay-Z – der Präsident lud den Rapper wiederholt ins Weiße Haus ein und würdigte ihn öffentlich – wird von Minaj als weiterer Beweis für eine vermeintliche Verschwörung gegen sie gewertet. Diese Narrative, gestützt auf persönliche Kränkungen, dient als emotionale Brücke zur Unterstützung eines Kandidaten, der für viele in der Hip-Hop-Community traditionell ein Außenseiter war.
Kontroversen um COVID-Impfstoff und Wahlbetrug
Im Interview verteidigt Minaj zudem ihre umstrittenen Tweets aus dem Jahr 2021, in denen sie behauptet hatte, der COVID-Impfstoff habe in Trinidad zu geschwollenen Hoden geführt. Diese Behauptung, die von Wissenschaftlern und Gesundheitsbehörden umgehend zurückgewiesen wurde, hatte damals einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Minaj räumte zwar ein, dass sie keine medizinische Expertise habe, bestand aber darauf, dass sie lediglich die Erfahrungen ihrer Cousins teile. Im Time-Interview geht sie noch einen Schritt weiter und stellt die Glaubwürdigkeit der Impfkampagne grundsätzlich infrage, ohne neue Belege zu liefern. Sie betont, dass sie niemandem raten wolle, sich nicht impfen zu lassen, aber dass die Menschen das Recht hätten, Fragen zu stellen – eine Haltung, die in der libertären und misstrauischen Strömung der amerikanischen Politik breiten Widerhall findet.
Den problematischsten Moment des Gesprächs liefert sie bei der US-Wahl 2020: Auf Fragen zu Trumps unbewiesenen Behauptungen über Wahlbetrug antwortet sie: „Offensichtlich weiß ich es nicht, aber wenn er es sagt, weiß ich, dass er seine Hausaufgaben gemacht hat.“ Ohne Belege erklärt sie zudem: „Es wählen Menschen, die nicht wählen sollten.“ Strafverfolgungsbehörden haben für derart breit angelegten Wahlbetrug bislang nichts gefunden. Minaj ruft ihre Fans außerdem aktiv dazu auf, ihre Abgeordneten zur Unterstützung des SAVE Acts zu bewegen – eines Gesetzentwurfs, von dem Kritiker:innen befürchten, dass er Wahlhürden für Frauen und People of Color erhöht. Der SAVE Act, ein Kürzel für den Safeguard American Voter Eligibility Act, würde unter anderem eine strengere Überprüfung der Staatsbürgerschaft bei der Wählerregistrierung verlangen und die Möglichkeiten der Briefwahl einschränken. Befürworter argumentieren, dass er die Integrität der Wahlen schützt; Gegner sehen darin eine gezielte Unterdrückung von Minderheiten, die traditionell häufiger von diesen Methoden Gebrauch machen. Minajs Unterstützung für diesen Gesetzesentwurf markiert eine deutliche Verschiebung ihrer politischen Haltung, denn noch vor wenigen Jahren hatte sie sich auf einer Frauenrechtsdemo in Los Angeles solidarisiert und für eine Reform des Strafrechtssystems eingesetzt.
Backlash aus der LGBTQ+-Community
Der Preis für Minajs politischen Schwenk ist messbar. Ihre LGBTQ+-Fangemeinde, jahrelang eine ihrer treuesten, reagierte mit offenem Bruch – ausgelöst vor allem durch ihre Aussage in Phoenix: „Wenn du als Junge geboren wirst, sei ein Junge.“ Dieser Satz, der als transphob aufgefasst werden kann, steht im Widerspruch zu ihrer früheren Unterstützung für queere Anliegen. Minaj hatte in der Vergangenheit immer wieder betont, dass sie für sexuelle Selbstbestimmung eintrete, und sogar explizit für die gleichgeschlechtliche Ehe geworben. Mit dem Schwenk zur Republikanischen Partei und ihren Kommentaren zur Geschlechtsidentität hat sie jedoch viele dieser Fans vor den Kopf gestoßen. In den sozialen Medien wird NickiIsOverParty immer wieder trendend, und mehrere queere Influencer:innen haben öffentlich mit Minaj gebrochen. Es bleibt abzuwarten, ob dieser Verlust durch neue Anhänger aus dem konservativen Spektrum kompensiert werden kann.
Rapper:innen als Politikexpert:innen
Was der Fall Minaj offenbart, ist ein breiteres Phänomen: In einer Öffentlichkeit, in der politische Debatten zunehmend auf Identifikation statt auf Argumentation setzen, werden Celebrities zu Stellvertretern für Haltungen, die einer Begründung bedürften. Vertrauen ersetzt Fakten, Gefühl ersetzt Analyse. Minaj selbst vergleicht den Präsidenten im Interview nicht mit politischen Vorgängern, sondern mit einer Pop-Ikone: „Genauso wie Marilyn Monroe einen Vibe repräsentiert – Donald Trump ist sein eigener Vibe.“ Trump bei den Midterm-Wahlen zu unterstützen, hat sie bereits angekündigt: „Ich mache, was immer nötig ist.“
Diese Entwicklung ist keineswegs auf die USA beschränkt, sondern spiegelt einen globalen Trend wider. Von Kanye West über Azealia Banks bis hin zu jüngeren Künstlern wie Bhad Bhabie – immer mehr Musiker:innen scheuen nicht davor zurück, polarisierende politische Positionen zu beziehen, die oft quer zu den traditionellen Parteigrenzen liegen. Dabei geht es selten um eine konsistente politische Philosophie, sondern vielmehr um persönliche Netzwerke, gefühlte Ungerechtigkeiten und das Versprechen von Authentizität, die durch einen Bruch mit dem Mainstream erzeugt wird. Minajs Fall ist besonders aufschlussreich, weil er die Schnittstelle von Popkultur, Rassismus, Geschlecht und politischer Macht beleuchtet. Als eine der erfolgreichsten Rapperinnen der Geschichte hat sie eine Plattform, die weit über die Musik hinausreicht. Dass sie diese nun nutzt, um einen ehemaligen Präsidenten zu unterstützen, der in der Vergangenheit wiederholt durch rassistische und sexistische Äußerungen aufgefallen ist, zeigt die Komplexität von Identitätspolitik im Zeitalter von Social Media und fragmentierten Öffentlichkeiten.
Die Karriere von Nicki Minaj begann vor über einem Jahrzehnt mit einer Reihe von mixtapes, die sie schnell zu einer der gefragtesten Feature-Gäste im Hip-Hop machten. Ihr Debütalbum „Pink Friday“ (2010) katapultierte sie in den Mainstream, gefolgt von Hits wie „Super Bass“ und „Anaconda“. Sie baute sich eine treue Fangemeinde auf, die vor allem aus jungen Frauen und LGBTQ+-Personen bestand, die sich in ihrer selbstbewussten und oft camp-ästhetischen Performance wiederfanden. Über die Jahre geriet sie jedoch immer wieder in Konflikte – mit anderen Künstlerinnen wie Cardi B und Remy Ma, aber auch mit der eigenen Plattenfirma. Diese Erfahrungen nährten in ihr das Gefühl, systematisch benachteiligt zu werden, was sich nun in ihrer politischen Weltsicht niederschlägt. Ob dieser Schritt taktisch klug ist oder ihr langfristig schadet, wird die Zukunft zeigen. Fest steht: Nicki Minaj hat sich endgültig von der Rolle der unparteiischen Pop-Ikone verabschiedet und ist zur politischen Akteurin geworden.
Source: Musikexpress News