Putins Popularität im Sinkflug
Es war ein ungewöhnlicher Schritt, der die Beobachter aufhorchen ließ. Nachdem Wladimir Putins Zustimmungswerte sieben Wochen in Folge kontinuierlich gefallen waren, stellte das staatliche Meinungsforschungsinstitut Wziom (VTsIOM) die Veröffentlichung der Daten nach dem 24. April vorübergehend ein. Offiziell hieß es, es handele sich um eine technische Pause zur Überarbeitung der Methodik. Doch unabhängige Analysten und selbst regierungsnahe Kreise werten dies als Versuch, die unangenehme Wahrheit zu verschleiern. Die Entwicklung markiert eine der längsten und tiefsten Vertrauenskrisen, die Putin seit seinem Amtsantritt erlebt hat.
Die Bedeutung der Zustimmungswerte in Russland
In autoritären Systemen wie Russland sind öffentliche Zustimmungswerte nicht nur ein Stimmungsbarometer, sondern ein zentrales Instrument der Machterhaltung. Sie dienen nach innen zur Demonstration von Stabilität und nach außen als Argument für die Legitimität des Herrschers. Putin, der seit über zwei Jahrzehnten an der Spitze des Staates steht, genoss jahrelang Zustimmungsraten von über 80 Prozent – selbst nach Annexionen oder internationalen Konflikten. Der jetzige kontinuierliche Rückgang ist daher mehr als eine statistische Anomalie. Das staatliche Umfrageinstitut Wziom ist das wichtigste Instrument des Kremls, um die öffentliche Meinung zu messen und zu steuern. Wenn selbst dieses Institut die Zahlen nicht mehr veröffentlicht, zeigt das, wie ernst die Lage eingeschätzt wird.
Experten wie der Politikwissenschaftler Jewgeni Minchenko weisen darauf hin, dass die bisherigen Zustimmungswerte oft durch gezielte Mobilisierung und patriotische Kampagnen künstlich hochgehalten wurden. Der Krieg in der Ukraine habe jedoch eine neue Dimension erreicht. Die anhaltenden Verluste an der Front, die Teilmobilisierung von September 2022 und die wirtschaftlichen Sanktionen des Westens hinterlassen tiefe Spuren im Alltag der Russen. Viele Familien trauern um gefallene Soldaten oder bangen um Angehörige, die an der Front kämpfen müssen. Hinzu kommen Preissteigerungen, Warenknappheit und die Abwertung des Rubels, die die Lebenshaltungskosten deutlich erhöht haben.
Historischer Kontext: Putins Popularitätskurve
Betrachtet man Putins Popularität im historischen Verlauf, zeigt sich ein Muster: In Krisenzeiten steigen die Werte oft durch den sogenannten „Rally-around-the-flag“-Effekt, der die Nation hinter dem Führer vereint. So geschah es zur Annexion der Krim 2014 und erneut nach dem Beginn des Ukrainekriegs 2022. Damals kletterten die Zustimmungswerte auf über 80 Prozent. Doch dieser Effekt verpufft zunehmend je länger der Konflikt dauert und je mehr die negativen Folgen im Inland spürbar werden.
Bereits im Frühjahr 2023 zeigten unabhängige Umfragen – etwa des Lewada-Zentrums, das als quasi-oppositionell gilt – einen leichten Rückgang der Zustimmung. Doch nun mit der siebenwöchigen Serie offizieller Rückgänge wird klar, dass der Kreml die Kontrolle über die Narrative zu verlieren droht. Der Stopp der Veröffentlichung ist ein Eingeständnis, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichen, um die Stimmung zu drehen.
Mögliche Auslöser des Vertrauensverlusts
Mehrere Faktoren haben zu diesem Stimmungsumschwung beigetragen. Erstens die militärischen Rückschläge: Obwohl die russische Armee in der Ostukraine weiter vorrückt, sind die Verluste enorm. Schätzungen westlicher Geheimdienste gehen von über 300.000 getöteten oder verwundeten Soldaten aus. Zweitens die Teilmobilisierung, die viele Männer aus ihrem Alltag riss und zu einer Fluchtwelle führte. Drittens die zunehmende Repression im Inneren: Die Verhaftung von oppositionellen Politikern, die Einschränkung der Meinungsfreiheit und die Gleichschaltung der Medien schüren Unmut, auch wenn er sich selten offen äußert.
Viertens die wirtschaftliche Lage: Die westlichen Sanktionen haben Russlands Wirtschaft zwar nicht zusammenbrechen lassen, aber sie haben zu einer Rezession geführt. Die Inflation liegt offiziell bei etwa 7,5 Prozent, inoffiziell deutlich höher. Die Realeinkommen sinken, und viele Unternehmen kämpfen ums Überleben. Besonders die Mittelschicht in den Großstädten, die bislang von Putins Politik profitierte, spürt die Veränderungen.
Fünftens die zunehmende Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung. Anfangs unterstützten viele Russen den „Spezialeinsatz“ als notwendige Sicherheitsmaßnahme. Doch je länger er dauert und je mehr Berichte über Gräuel und sinnlose Opfer die Runde machen, desto stärker wächst die Skepsis. In sozialen Medien, die trotz staatlicher Kontrolle noch einen gewissen Raum bieten, mehren sich kritische Stimmen.
Die Reaktion des Kremls: Verschleierung und Gegenmaßnahmen
Der Stopp der Umfrageveröffentlichung ist nicht die einzige Reaktion des Kremls. Parallel dazu verstärkt die Propagandamaschinerie ihre Bemühungen. Staatliche Sender wie Rossija 1 und NTW senden rund um die Uhr patriotische Inhalte, die den Sieg glorifizieren und den Westen dämonisieren. Gleichzeitig wird die Berichterstattung über Kriegsopfer und wirtschaftliche Probleme heruntergespielt oder ganz unterdrückt.
Ein weiteres Indiz für die Nervosität im Kreml ist die Gesetzgebung: Neue Gesetze zur „Diskreditierung der Streitkräfte“ werden verschärft, Kritiker mit langen Haftstrafen bedroht. Unabhängige Medien wie Nowaja gaseta oder Dozhd wurden verboten oder zur Einstellung gezwungen. Die Zivilgesellschaft wird systematisch zerstört. Dennoch können diese repressiven Maßnahmen nicht verhindern, dass die Unzufriedenheit wächst – sie wird nur in den Untergrund gedrängt.
Analyse: Droht ein Kampf im Machtapparat?
Der Titel des ursprünglichen Artikels weist auf eine mögliche Eskalation hin: „Das könnte zum Trigger für einen Kampf im Machtapparat werden“. Diese Einschätzung teilen viele Russland-Experten. Der sinkende Popularitätsbonus Putins ist die Währung, mit der er seine Macht sichert. Wenn diese Währung an Wert verliert, wächst der Druck auf die Eliten, die bislang loyal zum Herrscher standen. In einem System, das auf persönlicher Treue und Patronage beruht, kann ein Rückgang der Zustimmung schnell zu Fliehkräften führen.
Russische Oligarchen, Militärs und Beamte beobachten die Entwicklung genau. Anders als in Demokratien sind in Russland die Konsequenzen eines Machtverlusts existenziell – strafrechtliche Verfolgung, Enteignung oder Schlimmeres drohen. Daher neigen Eliten dazu, den Herrschenden zu stützen, solange er stark erscheint. Zeigt er aber Schwäche, beginnen Machtkämpfe. Schon während der Covid-19-Pandemie und der begrenzten Mobilisierung gab es Berichte über interne Spannungen zwischen der Gruppe um Putin und der des damaligen Verteidigungsministers Sergei Schoigu sowie des Chefs der Nationalgarde, Wiktor Solotow.
Der jetzige Popularitätsverlust könnte die Rivalitäten neu entfachen. Der Wagner-Konzern und sein Chef Jewgeni Prigoschin, die vor ihrem gescheiterten Aufstand im Juni 2023 als Kritiker der Militärführung auftraten, sind zwar militärisch besiegt, aber die dahinterstehende Unzufriedenheit innerhalb der Sicherheitskräfte ist nicht verschwunden. Auch die Militärführung selbst steht unter Druck: Die hohen Verluste und das Scheitern von Offensiven haben das Ansehen des Verteidigungsministeriums beschädigt.
Ein möglicher Trigger wäre eine weitere öffentliche Demütigung der Regierung, etwa ein großer militärischer Rückschlag oder eine wirtschaftliche Krise. Der Kreml versucht dem durch verstärkte Repression und Propaganda vorzubeugen, aber die Risiken bleiben hoch. Sollte Putin seine Zustimmung nicht bald stabilisieren können, könnte dies die tatsächliche Machtbasis der Herrschaft untergraben – und das ist für Putin selbst die größte Gefahr.
Interessanterweise zeigen parallele Umfragen des Lewada-Zentrums, dass die Zustimmung zu Putin in ländlichen Regionen und bei älteren Menschen noch relativ hoch ist, während sie in Großstädten und bei jüngeren, gebildeten Bürgern deutlich abnimmt. Diese soziale Spaltung könnte langfristig zu neuen Protestbewegungen führen, auch wenn die Sicherheitskräfte derzeit noch in der Lage sind, jede öffentliche Regung zu unterdrücken.
Der Wille des Kremls, die Zustimmungswerte geheim zu halten, deutet darauf hin, dass die Zahlen noch schlechter sein könnten, als sie ohnehin bereits sind. Der Politikwissenschaftler Abbas Galljamow argumentiert, dass die tatsächliche Popularität Putins bei vielleicht 60 Prozent liegen könnte, weit unter den offiziellen 80 Prozent. Der Unterschied sei jedoch entscheidend: Bei 80 Prozent hat Putin einen nahezu uneingeschränkten Rückhalt, bei 60 Prozent beginnt das Fundament zu bröckeln.
Ob die Veröffentlichungspause von Wziom tatsächlich nur technisch ist, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Sollten die Werte weiter sinken oder die Pause sich verlängert wird dies als Alarmsignal gewertet werden. Experten fordern, die unabhängige Meinungsforschung in Russland nicht aus dem Blick zu verlieren, da sie oft die einzig verlässlichen Daten liefert.
Letztlich ist die Popularität eines Führer in einem autoritären Staat eine Delikatesse: Sie lässt sich durch Propaganda und Repression nicht unbegrenzt am Leben erhalten. Der Krieg und seine Folgen haben eine toxische Wirkung auf das Vertrauen der Bürger. Putin steht vor der Herausforderung, seine Macht ohne vollständigen Rückhalt der Bevölkerung zu festigen – eine Aufgabe, die noch keinem Autarchen auf Dauer gelungen ist. Der Kampf im Machtapparat könnte die logische Konsequenz sein, wenn die Zustimmung nicht bald wieder steigt.
Source: Tagesspiegel News